über mich


Lilli Neumann


"forschen kann ich nur im Abstrakten"

Seit vielen Jahren beobachte ich das künstlerische Schaffen von Ulla Kallert. Ihre abstrakten Bilder haben mich gleich von Anfang an eingenommen. Zunächst die schwebenden "PunktüberPunktüberPunkt -Bilder", neue Adaptionen eines Wilhelm Nay. Dann die expressiven Farbwelten, die einen Ansatz der Informellen Malerei aufgreifen, manchmal an Thieler erinnernd, nie bloß ein Zitat, sondern eine eigene, von starken Emotionen getragene malerische Expression. Dann folgte eine Phase freundlicher Farbkompositionen auf Leinwand, sensible Aquarellmalerei auf großen Papierbögen. Schließlich explodiert das Format, - gemessen an den ganz Großen natürlich immer noch gemäßigt - , und nicht nur das: Linie und Strich bekommen eine freche Dynamik, verweigern sich dem Hübschen und schaffen dennoch Farb- und Strichfelder, die atmosphärische Räume zaubern.

Aufregend zu beobachten, wie ihre Bilder spontan gelingen, die Pinsel sich auf der Leinwand oder dem Papier mal tanzend mal sensibel suchend bewegen: Linie auf Farben, Farbe auf Linien, Linie an Linie werden zu Feldern vibrierender Farbflächen.
Und im Prozess plötzlich das Innehalten miterleben. Befremden und Verwirrung über das Vorgefundene verführen hier und da zu mühsamen Ringen, doch sehr bald energisches Zurücktreten, Distanz schaffen oder ruhen lassen, und dann sich erneut dem Schaffensimpuls hingebend. Als Beobachter erleben, wie sich die bildnerischen Elemente miteinander verweben, sich überlagern, plötzlich Zonen bilden, die scheinbar abstrakte Gegenstände konfigurieren, die sich wieder auflösen.
Und immer öfter regiert ein kindlich-genialer Freigeist, der sich nicht schert um irgendwas: Komposition, Rhythmus, Farbregeln...
Es entstehen Bildwelten, die wild, frech, stark, ungewohnt und unzensiert daherkommen, verstören und dennoch gefallen, weil trotz des oben Beschriebenen die Malerin das "Schöne" sucht, die wohltuenden Assoziationen nach Blumen und Wiesen, nach bunten Strichwelten, die Freude an Extase, Rausch und spielerischem Chaos wecken.

Ulla Kallert über sich:
Die Farbe hat mich!
Am Beginn eines Bildes steht das Spiel mit den Farben, ziellos trage ich auf, kein Schönheitsideal, keine Werte, keine Komposition im Kopf. Dann irgendwann hat es mich, das Bild, ergriffen, spornt es mich an, es zu vollenden. Mit immer neuen Pinselstrichen Überraschendes zu finden, mich niemals der Gleichförmigkeit hingebend. Gleich einer Trance, dennoch mit ganzer Wachheit, lasse ich mich führen, wohin das Bild will. Dann aber beginnt der Wechsel, jetzt führe ich, entwickle, füge hinzu, vollende. Spuren von stark verdünnten Farblasuren berühren mich, verzaubern das Bild, verzaubern mich durch diese Zwischentöne, Mischtöne, die so viel verbinden und auslösen.
Abstand nehmen um zu erkennen.
Weiter, die Komposition (der Raum, die Begegnung!) im Auge, bei jedem kleinen Pinselstrich, alles im Blick, Wachsein, und doch auch das Gegenteil: vergessen, überschreiten, verweigern.

Dieses Selbstzeugnis könnte in manchen Aspekten auch eine Beschreibung des Malprozesses mancher Künstler des Informel, Tachismus oder des Abstrakten Expressionismus sein:

"Wir standen vor unseren begonnen Bildern, lauschten, was sie uns sagen wollten...
Wir standen gleichsam vor einer Reise ins Unbekannte, der Weg war voller Risiken des Scheiterns..."
Wolfgang Schultze (1989), in: 50 Jahre Frankfurter Quadriga 2003

Die Bildwelten der Ulla Kallert erinnern in ihren historischen Wurzeln an Nay, an Pollock, vor allem auch an Schultze, hier und da an die informelle Zeit einer frühen Maria Lassnig:
Amorphe Strukturen
Hektisch und sehr ungestüm in der Farbgebung
Dünne, eilig dahin laufende Fadenlinien
Linien mit Spannung, die sich bisweilen löst, dies bringt eine manchmal tanzartige Bewegung ins Bild
Striche haben in manchen Werken sehr viel Gewicht, sind kurz und zügig in manchen sind sie luftig, enden im Irgendwo, verlieren sich unterwegs, finden sich schwingend wieder über einem weit entfernten Farbfeld.

Die Spuren dieser Aktionen sind nicht "schön" im landläufigen Sinne zu nennen, aber dafür aufgeladen mit der emotionalen Dynamik der Frau, die sie hinterlassen hat.

Über Ulla Kallert

Ulla Kallert hatte als Kind Zugang zu einer Familie, die sich mit Kunst umgeben hat. Dies hat die Sehnsucht bei ihr mit Kunst zu leben geweckt. Vor mehr als 20 Jahren hat sie sich schließlich der Kunst zugewandt.

Geschichtliche Vorbilder waren zunächst und wie so oft Picasso in allen seinen Facetten. Sie wollte erst zur gegenständlichen Kunst, merkte aber bald, dass dies nicht ihrem Naturell entsprach. Schon in den ersten Jahren ihrer Malerei wandte sie sich immer wieder dem Abstrakten zu. Seit 1993 hat sie sich dann systematisch mit abstrakter Malerei beschäftigt.
"Mir hat sich die Welt über die abstrakte Malerei erschlossen. Ich habe verschiedene Geschäfte geführt und Ausbildungen gemacht. Obwohl ich meistens darin durchaus erfolgreich war, haben mich die mit ihnen verbundenen Tätigkeiten schnell gelangweilt, habe den Bereich immer verlassen, sobald er sich für mich erschöpft hat... aber in der Kunst langweile ich mich nie."

Einer rebellischen Persönlichkeit, rücksichtslos oft vormals, wurde die Leinwand ein Boden, auf dem sich ihre Qualitäten entfalten können, die im Sozialen oft hinderlich waren.
Mit Per Kirkeby insbesondere fühlt sich Ulla Kallert heute verbunden, er sagt Sätze, die ihr aus der Seele sprechen, wie z.B.: "Auf der Leinwand kann ich rücksichtslos sein".
Dies ist ein Satz, der zu den neueren Bildern von Ulla Kallert passt. Die Künstlerin will keine Form, keinen Inhalt anbieten, ähnlich wie es in der informellen Malerei war, sondern Stören und Verstören; dies heißt, dass sie dem Betrachter heute etwas anbietet, was das gewohnte Seebild stört.
Sie will sich Türen aufmachen durchs Zerstören, kann im neu zu Entdeckten eine Weile bleiben, um sodann weiterzugehen und weiterzuforschen.
"...wenn ich das nicht schaffe, wechsele ich das Medium, gehe von der Leinwand weg... zu anderen Techniken."

Zerstören um zu vertiefen, dies ist der Leitgedanke und Leitweg der Ulla Kallert, "...so mache ich es auch im Leben, nicht nur in der Malerei..."

Die Künstlerin ist vielen Künstlern dankbar, bei denen sie gemalt hat, aber insbesondere Thomas Egelkamp aus Bonn, bei dem sie vor 15 Jahren ein ganz neues Verhältnis zur Linie bekommen hat.
"Ich habe meine Linie schätzen gelernt."

Aber auch ein weiterer Prozess ist ausschlaggebend für die neuen Bilder: Die Wertung während des malerischen Handelns fällt immer mehr ab mit zunehmender Authentizität.
"Diese Bilder sind niemals fertig...", sagt Dieter Roth in einem anderen Zusammenhang. (Das Museum als Kraftwerk)
Wann ist ein Bild fertig? Die neuen Bilder von Ulla Kallert sind sozusagen unfertig im malerischen Sinne, aber das ist für sie gerade spannend. Sie bricht momentan dazu auf, den Nachvollzug des Malprozesses wichtiger zu nehmen als das Ergebnis.
Dazu gehört auch Sicherheit und Vertrauen in den Prozess. "...habe aufgehört über Komposition nachzudenken, es komponiert sich von selbst, was sich natürlich erstmal nur so anfühlt."

Mit dieser Haltung steht Ulla Kallert ganz eng bei den Motiven auch anderer Künstler und Künste, so seit der performativen Wende auch im Theater und der Bildenden Kunst.
Auf die Frage, wann es zu diesem qualitativen Sprung in ihrer Malerei gekommen ist, führt sie den Tod ihrer Mutter an:
"Eine Frau ist erst frei, wenn die Mutter gestorben ist. Das Dasein für die Mutter hat mich nicht nur zeitlich gebunden, sondern auch gebunden durch meine Erziehung... das psychische Freisein ist mit dieser neue Phase verbunden."

Man darf gespannt sein, wie dieser Prozess weitergeht.

"die sinnvolle Erfindung muss eine Genese haben und eine Reflexion dessen enthalten, was ist - erst dann kann sie zukunftskräftig sein und weiterentwickelt werden..."

aus: Peter Iden, Verfestigung der Zeichen, in: Peter Brüning/Retrospektive, MKM, Duisburg